Politik

Vertrauen, Zugang, freie Arztwahl: Was Kassenpatient:innen von der Gesundheitsreform erwarten

Wien (OTS) – Im Rahmen der politischen Debatte über eine
Gesundheitsreform erlebt
Österreich gerade entscheidende Tage. Der Berufsverband
Fachärzt:innen Österreich hat im Juni 2026 das IFES mit einer bislang
einzigartigen Studie unter Einschluss von 3.226 Patient:innen von
Fachärzt:innen-Kassenordinationen (Augenheilkunde, Dermatologie,
Gynäkologie, HNO, Innere Medizin, Neurologie, Orthopädie, Pulmologie,
Urologie) in allen neun Bundesländern beauftragt. Die Ergebnisse
wurden heute, Donnerstag, von Dr. Florian Mittermayer, MSc, Orthopäde
und Präsident des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich, Univ.-
Doz.in Dr.in Verena Niederberger-Leppin, Fachärztin für HNO-
Heilkunde, Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Bonni Syeda, Fachärztin für
Innere Medizin und Kardiologie und Generalsekretärin des
Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich, sowie IFES-
Geschäftsführerin Dr.in Eva Zeglovits präsentiert. „Alle betonen ihre
Sorge um die Versorgung – jeweils aus Sicht von Bund, Ländern und
Sozialversicherung. Zahlreiche Expert:innenpapiere werden geteilt und
geleaked. Die ’normunterworfenen‘ Kassen-Patient:innen selbst fragt
man aber vorsichtshalber nicht nach ihrer Haltung“, erklärte Dr.
Florian Mittermayer, MSc, Präsident des Berufsverbands Fachärzt:innen
Österreich.

Zwtl.: Hohes Vertrauen, angemessene Zeit, gemeinsame Entscheidungen:
Patient:innen bewerten die Kassenfachärzt:innen positiv

„Die Studie ist hinsichtlich Größe, Umfeld und Zeitpunkt
einzigartig. Während ganz Österreich über das Gesundheitswesen
diskutiert, haben wir die Chance genützt, die Kassenpatient:innen
selbst zu befragen“, unterstrich Zeglovits.

Die Anforderungen an moderne Diagnostik und Therapie in der
Kassenordination steigen. Die zur Verfügung stehende Zeit muss so
eingeteilt werden, dass allen Patient:innen mit ihren Problemen
ausreichend Aufmerksamkeit gewidmet werden kann. Dass dieser
Balanceakt gelingt, zeigt die Umfrage: 90 Prozent der Befragten
sagen, dass sich ihre Kassenfachärztin bzw. ihr Kassenfacharzt
ausreichend Zeit für ihr Anliegen nimmt. 92 Prozent fühlen sich gut
aufgeklärt und in Behandlungsentscheidungen eingebunden. Das spiegelt
sich auch im Vertrauensverhältnis wider: 88 Prozent geben an, eine
Kassenfachärztin oder einen Kassenfacharzt zu haben, die bzw. den sie
regelmäßig besuchen und zu der oder dem sie Vertrauen aufgebaut
haben. „Dieses Vertrauen ist das Ergebnis einer funktionierenden
Versorgung. Und es ist nicht selbstverständlich“, so Niederberger-
Leppin.

Zwtl.: 75 Prozent finden die Wartezeit angemessen, nur 6 Prozent
machten sich Sorgen

Von den 3.226 Befragten kamen 1.739 zu einem Kontroll- oder
Vorsorgetermin und 1.487 Patient:innen mit einem neuen Anliegen. Bei
dieser Patient:innengruppe bekamen 34 Prozent ihre Untersuchung bei
der Kassenfachärztin bzw. beim Kassenfacharzt innerhalb von 0–3
Tagen, weitere 27 Prozent innerhalb von 2 Wochen und 19 Prozent
innerhalb von 4 Wochen. Nur 2 Prozent warteten länger als 4 Monate.
Die Dauer bis zum Termin sah der Großteil der Patient:innen gelassen:
75 Prozent fanden die Zeit bis zum Termin angemessen, weitere 14
Prozent fanden die Wartezeit lang, aber nicht beunruhigend. Nur 6
Prozent der Patient:innen gaben an, sich während der als zu lang
empfundenen Wartezeit Sorgen gemacht zu haben.

„Besonders hervorzuheben ist, dass in allen Bundesländern und
Fachrichtungen Akuttermine für dringende Fälle vergeben werden. Im
internationalen Vergleich sind die Wartezeiten auf
Fachärzt:innentermine in Österreich kurz. Dass nur 14 Prozent der
Patient:innen die Wartezeit als lang und 6 Prozent als zu lang
empfinden, zeigt, dass es den Fachärzt:innen-Ordinationen gut
gelingt, Termine entsprechend der Dringlichkeit zu vergeben“, so
Niederberger-Leppin.

Weniger überzeugend scheint hingegen das Konzept von
„Zuweisungszwang und Gatekeeping“ für die Befragten: Obwohl 91
Prozent der Befragten angaben, ihre Hausärztin bzw. ihren Hausarzt
regelmäßig zu besuchen, wollen 90 Prozent weiterhin die freie
Arztwahl haben und Fachärzt:innen direkt, ohne verpflichtende
Überweisung, aufsuchen können.

Zwtl.: Sorge vor einer Verschärfung der Zweiklassenmedizin

68 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu: „Wer es sich
leisten kann, wird dann direkt privat zur Fachärztin oder zum
Facharzt gehen, alle anderen müssen zuerst zur Hausärztin bzw. zum
Hausarzt.“ Dies verdeutlicht die Befürchtung vieler Patient:innen,
dass eine Zuweisungspflicht die bestehende Zweiklassenmedizin weiter
befeuern könnte. 78 Prozent haben zudem Sorge, dass durch eine
Überweisungspflicht „ein ernstes Problem“ später erkannt werde – etwa
Krebserkrankungen.

Syeda verwies in ihrem Statement darauf, dass die Politik
gefordert sei, die Zweiklassenmedizin zu reduzieren anstatt sie zu
verschärfen. „Wir halten die neu entstehenden Strukturen für
Primärversorgung für sehr wichtig. Es wäre völlig falsch, diese
jungen Institutionen gleich wieder mit Bürokratie zu überfrachten.“
Zuweisungszwang und Gatekeeping weisen in die falsche Richtung,
verschärfen die bestehende Zweiklassenmedizin in Österreich und
verschlechtern die Gesundheitschancen finanziell schwächerer sowie
chronisch kranker Menschen – etwa durch verzögerte Krebsdiagnosen und
die damit verbundenen schlechteren Heilungschancen.

Zwtl.: Gezielte Patient:innenlenkung

„Um die Versorgung zu verbessern und Kosten zu senken, braucht es
eine gezielte Patient:innenlenkung – nicht weg von den
Fachärzt:innen, sondern weg von den teuren Spitalsambulanzen. Eine
starke Primärversorgung kann die Notfallambulanzen entlasten. Für die
Entlastung der kostenintensiven Spezial- und Fachambulanzen der
Spitäler braucht es jedoch die niedergelassenen Fachärzt:innen. Statt
zusätzliche Hürden beim Zugang zu Fachärzt:innen zu schaffen, sollten
Patient:innen gezielt aus den teuren Spezial- und Fachambulanzen der
Spitäler in die niedergelassene fachärztliche Versorgung gelenkt
werden. Genau hier liegt das eigentliche Reformpotenzial“, so Syeda
abschließend.

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